ABBA. Ganz die Alten – aber jung​ und digital

Abba Voyage Avatars

ABBA. Ganz die Alten – aber jung und digital

ABBA schicken nach 40 Jahren ihre verjüngten Avatare auf die Bühne. Ist das noch ein Konzert, auf dem sie Ihren Fans begegnen? Und wie werden unsere eigenen Begegnungen als Avatare im virtuellen Raum mit anderen aussehen?

ABBA bringt nach 40 Jahren ein neues Album heraus, und veranstaltet in diesem Zuge auch wieder eine Konzertreihe in London. Im Queen Elizabeth Olympic Park in London wird dafür eigens eine Arena gebaut. Das Besondere und Spannende ist, dass ABBA nicht selbst auf der Bühne steht, sondern deren verjüngte, digitale Avatare auftreten lässt.
Für die Avatar-Show wurden die Bewegungen der vier ABBA-Mitglieder mit dem Motion Capture Verfahren aufgezeichnet. Diese Bewegungen wurden dann auf die digitalen Avatare übertragen, damit diese sich ganz authentisch wie ihre menschlichen Vorbilder aus Fleisch und Blut bewegen. Das Verfahren stammt aus der Filmindustrie, und wird dort ebenfalls eingesetzt, um digital erzeugten Personen und Wesen Leben einzuhauchen, und deren Bewegungen realistisch erscheinen zu lassen.

ABBA Voyage_Motion Capture Suits
Bild: Baillie Walsh/Industry Light & Magic

Man kann nun die Frage stellen, ob hier wirklich ABBA ein Konzert gibt, ob tatsächlich eine Begegnung zwischen ABBA und dem Publikum stattfindet. Eine Frage, die es sich lohnt, näher zu beleuchten. Denn wir werden uns vermutlich selbst alle in gar nicht allzu ferner Zukunft immer öfter als Avatare in digitalen Räumen bewegen und begegnen.

Auch wenn Benny Andersson sagt, dass man auf dem Konzert ABBA erlebt (siehe Video weiter unten), denken wir, dass sie nicht selbst auftreten. Aber nicht, weil nur ihre digitalen Abbilder zu sehen sind. Sondern weil ihre Bewegungen nicht live übertragen werden, und stattdessen nur deren Aufzeichnung abgespielt werden. Dadurch, dass die Auftritte nicht einzigartig sind, verlieren sie den Zauber einer echten Begegnung, und sind am Ende ein sehr aufwändig produziertes Musikvideo. Die Bandmitglieder hautnah in einer Virtual Reality Anwendung zu erleben, wäre da noch eine ganz andere Geschichte. Sie werden so aber nur als Rückprojektionen auf eine transparente Folie aus der Distanz sichtbar – ein Verfahren, das schon 2012 angewandt wurde, als der damals schon verstorbene Tupac wieder über die gleiche Technologie auf der Bühne stand (Link zum Video).

Video zum Projekt

Das Potenzial, uns als Avatare unabhängig vom realen Raum zu bewegen, ist aber dennoch enorm. Die Technologie erweitert künftig unsere Möglichkeiten, und bietet uns neue Arten der Begegnung außerhalb der realen Welt. So wie schon Telefonieren und Videochats weitere Möglichkeiten der Begegnung geworden sind.

Avatare eignen sich besonders gut dazu, uns im virtuellen Raum zu vertreten, da sie dreidimensional dargestellt werden können. In Virtual Reality können wir uns mit den anderen in einem gemeinsamen – wenn auch virtuellen Raum – bewegen. Das schafft Nähe. Aber ist das eine persönliche Begegnung? Und ist das andererseits so weit weg von einem Video-Bild, das mir während eines Videomeetings auf einem Bildschirm angezeigt wird? Und kann nicht auch ein simples Telefonat viel Nähe erzeugen? Worauf kommt es also an, wenn Menschen sich in virtuellen, dreidimensionalen Räumen begegnen?

Wesentlich wird sein, dass wenn wir uns sehen können, Bewegungen und Mimik realistisch wiedergegeben werden, die Stimme und Tonlage dazu absolut synchron laufen. Das dürfte noch wichtiger sein als die visuell exakte Darstellung einer Person. Dann wird eine Begegnung auch authentisch sein, und wir können den anderen wie in einem persönlichen Gespräch „lesen“. Es gilt in jedem Fall das Unbehagen zu vermeiden, welches entsteht, wenn menschliches Verhalten und Aussehen fast, aber eben nicht ganz exakt nachgebildet werden – dem sogenannten „Uncanny Valley“.

Das Erfassen und Übertragen von Mimik funktioniert schon jetzt eindrucksvoll mit neueren iPhone Modellen, die alle mit einer TrueDepth Kamera ausgestattet sind, und damit feinste Details in der Mimik erfassen können. Die Technologie ist schon da, sie muss sich nur noch in Form konkreter Produkte und Angebote etablieren.

Wenn wir – zurück bei ABBA – deren neuestes Vorhaben als Extended Reality Projekt (XR) begreifen, können wir neben dem Aufheben von Distanzen noch eine andere Fähigkeit von XR erkennen: das Aufheben von Zeit. Alle von uns haben ABBA so wie in ihrer aktiven Zeit in Erinnerung behalten, da sie seitdem nicht mehr öffentlich präsent waren. Der Auftritt als verjüngte Avatare ermöglicht lückenlos an die damalige Zeit anzuschließen. Abgesehen davon sind die Bandmitglieder schon 70 – 75 Jahre alt, und wären den Strapazen vieler Live-Konzerte nicht mehr unbedingt gewachsen. Andere Stars wie die Rolling Stones, die immer aktiv blieben, sind mit uns gemeinsam gealtert. Dadurch gab es keinen Bruch. Dass ABBA wieder so jung wie damals auftritt, dürfte eine bewusste Entscheidung dafür sein, ohne Bruch einen nahtlosen Anschluss an ihre großen Erfolge zu finden.

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